D E R  S I N N  D E S  L E B E N S

Es ist ein eisig kalter Morgen in Nepal und ich befinde mich auf knapp 5.000 Metern Höhe. Es ist noch dunkel und ich krieche träge aus meinem Schlafsack. Jeder Muskel schmerzt. Mein erster Gang führt mich zur Toilette, einem Loch im Boden, abgegrenzt vom Rest der Lodge, mit einem einfachen Wellblech. Wir alle in der Lodge teilen uns diese Toilette, wir teilen uns auch das Wasser im Eimer, welches noch gefroren von der Nacht ist. Ich schlage es zusammen mit meinem Freund mühsam auf und putze mir die Zähne.

Wir haben nun schon eine Woche Trekking hinter uns und heute soll es auf einen 5.360 Meter hohen Pass gehen. Noch immer ist es stockdunkel, wir mummeln uns ein, setzen die Kopflampen auf und gehen los. Wir gehen und gehen. Wir steigen bergauf. Ich erinnere mich nicht mehr genau an meine Gedanken, aber ich hatte mit ihnen zu kämpfen und das nicht erst seit diesem Tag. Vielleicht kämpfe ich ja schon mein Leben lang mit meinen Gedanken? 

Als die Sonne endlich aufgeht und unsere Nasenspitzen wärmt, wird mir etwas wohliger zumute. Es fühlt sich gut an und endlich habe ich das Gefühl nicht mehr von absoluter Einsamkeit umgeben zu sein. Alles wirkt freundlicher und die Bergriesen des Himalaya präsentieren sich im schönsten, wundervollsten Licht. Wir steigen immer weiter hinauf, machen nur kurze Pausen und quälen unsere Körper Schritt für Schritt den Pass hinauf. Je höher wir gehen, desto mehr brummt mein Kopf, es hämmert und pocht. Immer wieder wird mir schwindelig und ich schaue irgendwann nicht mehr nach oben. Die letzten Meter – mein Freund hakt mich ein und wir sehen Beide, wie einer unserer Träger lächelnd zwischen den Gebetsfahnen des Passes steht. Die bunten Fahnen wehen wild im Wind und hinter ihnen sehe ich keine Felsen, sondern nur den Himmel, den blauen endlosen Himmel. Der Kloß in meinem Hals wird gigantisch groß und wir kämpfen uns die letzten Meter hinauf. Wir fallen uns in die Arme, weinend, hysterisch lachend und sehen den Mount Everest. Ich fühle mich keineswegs schwach, oder erschöpft. Ganz plötzlich habe ich unfassbar viel Energie und fühle mich wie neugeboren. Ja wahrhaft, wie neugeboren. Hier stehe ich nun, zusammen mit meinem Freund und meiner Familie und blicke auf die höchsten Berge der Welt. Ich fühle mich so vollkommen, wie noch nie zuvor. Vollkommen, einfach vollkommen.

Brauchte es erst eine Reise nach Nepal, ob den Sinn meines Daseins zu verstehen? Ja.

Ich erinnere mich an die Einfachheit. Ich erinnere mich an den Moment, als ich nach einer Woche Trekking in einer Lodge das Angebot einer Dusche annahm. Ich erinnere mich daran, wie dafür mühsam ein Feuer gemacht werden musste, wie das Regenwasser erwärmt wurde und am Ende nur 3 Tropfen Wasser aus ein paar Löchern im Eimer meinen Körper mit etwas Wasser beträufelten. Es war mir egal, ich fror so sehr, dass ich einfach wieder in meine dreckigen Sachen schlüpfte. War es diese Einfachheit, die mir plötzlich einen Sinn gegeben hat? Rückblickend fällt es mir schwer, mich in diese Situation hineinzuversetzen, während ich hier in meiner warmen Wohnung sitze, meine Füße auf einem Teppichboden abstütze und Autos und Menschen vor dem Fenster beobachte. Autos, welche ich dort 3 Wochen lang nicht gesehen habe, keine Straßen, kein Asphalt, nichts dergleichen. Vielleicht waren es auch die Begegnungen mit den Menschen dort, ihr Lachen, ihre Hilfsbereitschaft. War es die Kraft der Natur? Seit ich denken kann, wollte ich die Berge des Himalaya sehen und so klein wie hier, habe ich mich vorher noch nie gefühlt. War es vielleicht genau dieses Gefühl, sich so klein und unbedeutend zu fühlen?

Eingekesselt von Bergriesen und doch so frei wie noch nie zuvor, wurde mir klar, dass genau das hier mein Ursprung ist. Ich habe noch nie so viel Sinnhaftigkeit in meinem Tun gespürt. Ich konnte mir die Frage “Warum mache ich das hier eigentlich?”, noch nie so leicht beantworten wie in Nepal. Jeden Tag Berge besteigen, wandern, atmen, Tee trinken, die Wanderschuhe schnüren, Menschen kennenlernen, gemeinsam ein Ziel erreichen.

Ich denke, es gibt keine Pauschalantwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Reinhold Messner sagte dazu einst:

“Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften – das Göttliche ist in uns.”

Ideen umsetzen, Ziele verfolgen, Dinge tun, die eine Bedeutung für uns haben. Schon allein damit geben wir unserem Dasein einen Sinn. Es ist dabei völlig egal, welche Dinge eine Bedeutung für uns haben. Darum geht es nicht. Es geht einzig und allein darum, den Sinn in sich selbst zu finden und dabei ist es egal, ob wir einen Kuchen backen, ein Instrument spielen, einen Text verfassen, oder eben  Berge besteigen.

 

 

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Es ist ein eisig kalter Morgen in Nepal und ich befinde mich auf knapp 5.000 Metern Höhe. Es ist noch dunkel und ich krieche träge aus meinem Schlafsack. Jeder Muskel schmerzt. Mein erster Gang führt mich zur Toilette, einem Loch im Boden, abgegrenzt vom Rest der Lodge, mit einem einfachen Wellblech. Wir alle in der Lodge teilen uns diese Toilette, wir teilen uns auch das Wasser im Eimer, welches noch gefroren von der Nacht ist. Ich schlage es zusammen mit meinem Freund mühsam auf und putze mir die Zähne.

Wir haben nun schon eine Woche Trekking hinter uns und heute soll es auf einen 5.360 Meter hohen Pass gehen. Noch immer ist es stockdunkel, wir mummeln uns ein, setzen die Kopflampen auf und gehen los. Wir gehen und gehen. Wir steigen bergauf. Ich erinnere mich nicht mehr genau an meine Gedanken, aber ich hatte mit ihnen zu kämpfen und das nicht erst seit diesem Tag. Vielleicht kämpfe ich ja schon mein Leben lang mit meinen Gedanken? 

Als die Sonne endlich aufgeht und unsere Nasenspitzen wärmt, wird mir etwas wohliger zumute. Es fühlt sich gut an und endlich habe ich das Gefühl nicht mehr von absoluter Einsamkeit umgeben zu sein. Alles wirkt freundlicher und die Bergriesen des Himalaya präsentieren sich im schönsten, wundervollsten Licht. Wir steigen immer weiter hinauf, machen nur kurze Pausen und quälen unsere Körper Schritt für Schritt den Pass hinauf. Je höher wir gehen, desto mehr brummt mein Kopf, es hämmert und pocht. Immer wieder wird mir schwindelig und ich schaue irgendwann nicht mehr nach oben. Die letzten Meter – mein Freund hakt mich ein und wir sehen Beide, wie einer unserer Träger lächelnd zwischen den Gebetsfahnen des Passes steht. Die bunten Fahnen wehen wild im Wind und hinter ihnen sehe ich keine Felsen, sondern nur den Himmel, den blauen endlosen Himmel. Der Kloß in meinem Hals wird gigantisch groß und wir kämpfen uns die letzten Meter hinauf. Wir fallen uns in die Arme, weinend, hysterisch lachend und sehen den Mount Everest. Ich fühle mich keineswegs schwach, oder erschöpft. Ganz plötzlich habe ich unfassbar viel Energie und fühle mich wie neugeboren. Ja wahrhaft, wie neugeboren. Hier stehe ich nun, zusammen mit meinem Freund und meiner Familie und blicke auf die höchsten Berge der Welt. Ich fühle mich so vollkommen, wie noch nie zuvor. Vollkommen, einfach vollkommen.

Brauchte es erst eine Reise nach Nepal, ob den Sinn meines Daseins zu verstehen? Ja.

Ich erinnere mich an die Einfachheit. Ich erinnere mich an den Moment, als ich nach einer Woche Trekking in einer Lodge das Angebot einer Dusche annahm. Ich erinnere mich daran, wie dafür mühsam ein Feuer gemacht werden musste, wie das Regenwasser erwärmt wurde und am Ende nur 3 Tropfen Wasser aus ein paar Löchern im Eimer meinen Körper mit etwas Wasser beträufelten. Es war mir egal, ich fror so sehr, dass ich einfach wieder in meine dreckigen Sachen schlüpfte. War es diese Einfachheit, die mir plötzlich einen Sinn gegeben hat? Rückblickend fällt es mir schwer, mich in diese Situation hineinzuversetzen, während ich hier in meiner warmen Wohnung sitze, meine Füße auf einem Teppichboden abstütze und Autos und Menschen vor dem Fenster beobachte. Autos, welche ich dort 3 Wochen lang nicht gesehen habe, keine Straßen, kein Asphalt, nichts dergleichen. Vielleicht waren es auch die Begegnungen mit den Menschen dort, ihr Lachen, ihre Hilfsbereitschaft. War es die Kraft der Natur? Seit ich denken kann, wollte ich die Berge des Himalaya sehen und so klein wie hier, habe ich mich vorher noch nie gefühlt. War es vielleicht genau dieses Gefühl, sich so klein und unbedeutend zu fühlen?

Eingekesselt von Bergriesen und doch so frei wie noch nie zuvor, wurde mir klar, dass genau das hier mein Ursprung ist. Ich habe noch nie so viel Sinnhaftigkeit in meinem Tun gespürt. Ich konnte mir die Frage “Warum mache ich das hier eigentlich?”, noch nie so leicht beantworten wie in Nepal. Jeden Tag Berge besteigen, wandern, atmen, Tee trinken, die Wanderschuhe schnüren, Menschen kennenlernen, gemeinsam ein Ziel erreichen.

Ich denke, es gibt keine Pauschalantwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Reinhold Messner sagte dazu einst:

“Wir Menschen haben die Fähigkeit, Sinn zu stiften – das Göttliche ist in uns.”

Ideen umsetzen, Ziele verfolgen, Dinge tun, die eine Bedeutung für uns haben. Schon allein damit geben wir unserem Dasein einen Sinn. Es ist dabei völlig egal, welche Dinge eine Bedeutung für uns haben. Darum geht es nicht. Es geht einzig und allein darum, den Sinn in sich selbst zu finden und dabei ist es egal, ob wir einen Kuchen backen, ein Instrument spielen, einen Text verfassen, oder eben  Berge besteigen.

 

 

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