Nepal
Eine Reise zu mir selbst

Nepal. Mein Lebenstraum.
Im Oktober letzten Jahres, erfüllte er sich und ich flog gemeinsam mit meinem Loverboy und meinen Eltern nach Kathmandu. In der letzten Stunde im Flieger von Neu Dehli nach Kathmandu sah ich in der Ferne erste Bergspitzen. Als ich realisierte, dass dies bereits die ersten Gipfel des Himalayas waren, stockte mir der Atem. Ich bekam einen riesigen Kloß im Hals und konnte nicht anders – also weinte ich. Ich war so fasziniert von diesem Anblick, von diesen Giganten, welche ich zuvor jahrelang im Fernsehen anstarrte und mir immer so sehr wünschte, sie einmal im Leben selbst zu sehen.

Angekommen in Kathmandu standen wir mit anderen Reisenden auf dem Flugplatz, irgendwie mitten auf der Landebahn. Ich weinte erneut, denn wir waren nun endlich angekommen. Um uns herum andere Trekker, die sich umarmten. Sie hatten ein Glänzen in den Augen, sie lachten, ihre Gesichter waren voller Abenteuerlust und auch wir hatten Hummeln im Arsch. Wir wollten eintauchen in diese Welt – Berge sehen.

Die ersten Tage verbrachten wir in Kathmandu. Diese Stadt ist chaotisch, schmutzig, anders, freundlich und irgendwie geheimnisvoll. Ich mochte die Mischung aus absolutem Chaos und meditativer Gelassenheit. Wir trafen unseren Guide Sanjay, welcher im Übrigen mehr als nur ein Guide für uns war, denn er wurde unser Freund. Wir besprachen letzte Details zu unserem Trek, wurden über sämtliche Gefahren aufgeklärt und dann ging es einige Tage später zum Flughafen. Wir flogen nach Lukla und ja, ich hatte Schiss. Die Piloten fliegen nur auf Sicht und auf den letzten Metern schienen die Berge fast das Flugzeug zu berühren. Die Landung auf der abnormal kurzen Landebahn und das Gefühl des Aufkommens, lösten unendliche Glücksgefühle bei uns allen aus. Hier waren wir nun – angekommen in der Bergwelt des Himalaya.

Wir lernten unsere beiden Träger, Ajay und Mithun kennen und stiefelten direkt los. Was mich hier nun in den nächsten zwei Wochen erwarten würde, hätte ich vorher niemals gedacht.

 

Unser Trek ging von Lukla über Namche Bazar zum Renjo la Pass. Der Pass sollte unser Hauptziel sein.
Danach ging es wieder hinunter über einen weniger stark frequentierten Weg über einige Dörfer, wieder über Namche Bazar, zurück nach Lukla.

Die erste Woche, bis zum Pass, welcher auf 5.360 m liegt ging es eigentlich nur bergauf. Wer hätte das gedacht? Blöd, dass wir bereits am zweiten Tag auf 2.800 Metern mit
ersten kleinen Problemchen, wie leichten Kopfschmerzen, zu kämpfen hatten. Jeden Tag wanderten wir höher und höher. Auf dem Weg nach Namche Bazar sahen wir zum ersten Mal den Mount Everest und was soll ich sagen? Gefühlsausbruch, Tränen und Herzklopfen ließen nicht lange auf sich warten. Klar, er wirkt neben den ganzen anderen 8.000ern tatsächlich winzig und irgendwie so gar nicht spektakulär aber das Gefühl, ihn das erste Mal zu sehen, ist trotzdem unbeschreiblich.

Jeden Tag schruppten wir weitere Höhenmeter und nachdem wir nach jedem Tagesabschnitt erschöpft in den Lodges ankamen, mussten wir zum Akklimatisieren nochmal höher gehen, meist so zwischen 200 und 400 Höhenmetern. Es waren nie die Beine, die Probleme machten, oder die Kondition. Es waren fast immer Kopfschmerzen und Schwindel, die uns während der Aufstiege heiter begleiteten. Oh und klar – die Atmung. Ich habe teilweise gejapst, als wäre ich schlagartig um 50 Jahre gealtert. Es fiel so schwer durchzuatmen, also so richtig tief einzuatmen.

Je höher wir kamen, desto weniger Menschen trafen wir. Wir sind den Trek sowieso anders herum gegangen, was ihn zwar deutlich anstrengender gemacht hat,
wir so aber mit weniger anderen Trekkern unterwegs waren.

Die Lodges, in denen wir schliefen, waren sehr einfach und sehr kalt. Und mit kalt, meine ich wirklich kalt.Geheizt wird mit Yak-Scheiße und das erst so ab 16.00 Uhr und auch nur Gemeinschaftsraum, wo sich dann alle schön aneinander gekuschelt um einen kleinen Ofen setzen. Ich mochte das, auch wenn es sich danach beim zu Bett gehen, doppelt so kalt anfühlte. Zum Zähne putzen ging es dann manchmal nochmal hinaus an die heftig, frische Luft. Ab und zu mussten wir auch erst einmal die Eisdecke auf den Wassereimern aufschlagen, damit wir überhaupt Wasser hatten. Das Klo war meist ein hübsches Loch im Boden und naja die „Zimmer“ von denen ich zuvor sprach, das waren eher so Vierecke mit zwei Holzbetten und Wänden aus einer einzigen Holzplatte.
Und ja, auch das mochte ich.

Wir kämpften weiter mit Kopfschmerzen und nach und nach kam Schlaflosigkeit hinzu. Der Hals war ständig trocken und wir bekamen Husten.
Im letzten Ort vor dem Pass ging es uns allen nicht sonderlich gut, doch wir fühlten uns fit genug, den Pass anzugehen. So stiefelten wir im Dunkeln, sehr früh am Morgen los, bewaffnet mit Kopflampen und eingemummelt in unsere wärmsten Klamotten. Nach ein paar Schritten spürte ich bereits: Das wird ne harte Nuss. Die ersten Meter, noch nicht aufgewärmt und kaputt von der Nacht, waren immer die Schlimmsten. Nach jeder Pause, die länger als 1 Minute ging, hatte man das Gefühl, dass man seine Beine noch nie in seinem Leben bewegt hat – jeder Schritt fiel so schwer. Wir verkürzten unsere Pausen, hielten nur noch zum Atmen und um etwas zu trinken. Hoch, hoch, hoch. Am Ende gab es nur noch Treppenstufen. In meinem Kopf sauste es, es puckerte und drückte. Mein Herz pochte wie ein Vorschlaghammer und an normales Atmen war sowieso schon lange nicht mehr zu denken. Die letzten Meter. Ich sah einen unserer Träger oben stehen. Er stand da – wie immer ein breites Grinsen im Gesicht, unter den wehenden, bunten Gebetsfahnen. Wieder hatte ich einen riesigen Kloß im Hals, der mir nun komplett die Luft abschnitt. Also heulte ich, mal wieder. Lachte, weinte und quälte mich zusammen mit meinem Loverboy die letzten Meter hinauf. Meine Eltern kamen hinterher. Angekommen – auf 5.360 Metern. Wir umarmten uns, heulten, lachten hysterisch und waren einfach nur so stolz. Ich glaube, so stolz war ich noch nie. Wir sahen andere Trekker, wie sie sich umarmten, wie sie weinten und wie glücklich alle waren. Ein weiterer Grund für mich, nochmal ordentlich loszuheulen. Neben mir musste sich eine Frau übergeben, gleichzeitig lachte sie aber vor Glück. Es war alles so seltsam. So ein unwirklicher Moment. Wir blieben nicht lange oben, Schneewolken zogen auf, uns allen ging es nicht so super optimal und wir hatten noch einige Kilometer vor uns. Auf dem Rückweg sahen wir, wie eine Frau ihr Bewusstsein verlor, jemand nahm sie Huckepack und lief los. Einige Zeit später sahen wir einen Helikopter landen. Da realisierten wir, was wir da gerade so gemacht haben.

Die nächsten Tage stiegen wir immer weiter ab. Wir sahen so oft den Everest, den Ama Dablam und die umliegenden Riesen. Endlich konnten wir alles richtig genießen, die Kopfschmerzen wurden weniger und das Atmen fiel von Tag zu Tag leichter. Als wir nach einigen Tagen wieder Lukla erreichten, gönnten wir uns Bier, Rum und spachtelten ein letztes Mal Dal Bhat in uns hinein. Mein Loverboy, ich und unser Guide Sanjay gingen in Lukla noch eine Runde Billiard spielen, tranken Bier und ich fühlte mich einfach nur unglaublich wohl, irgendwie wie zu Hause? Am nächsten Tag stiegen in den Flieger zurück nach Kathmandu und ja, mal wieder heulte ich. Wir verließen die Bergwelt.

Jahrelang habe ich alles über den Himalaya verschlungen und doch war es anders. Es war besser. Es war heftiger. Es war sowas von wunderschön. Ich erinnere mich an jede Begegnung mit den Menschen dort und spüre ihre Herzlichkeit. Ich schmecke noch die tägliche Knobisuppe und das leckere Dal Bhat auf meiner Zunge. Ich weiß genau, wie es sich angefühlt hat, einfach keine Luft zu bekommen. Ich friere, wenn ich an die Holzbetten denke, an den Gang zum Klo. Mir zittern die Knie, wenn ich mir vorstelle, dass wir so hoch oben standen. Mein Herz klopft, wenn ich an den ersten Blick zum Everest denke. Es war eine der wertvollsten Erfahrungen in meinem Leben. Wertvoller als jedes Ding, als jeder “Reichtum” den ich je besessen habe.